
Die Kirchen wenden sich in der Woche für das Leben dem Thema "Pränataldiagnostik" zu und machen damit dessen ethisch-gesellschaftliche Brisanz sichtbar. Sie tun dies nicht nur im Hinblick auf die Auseinandersetzung um den Schwangerschaftsabbruch. Sie bieten einen Rahmen an, sich umfassend mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Kirchen verdeutlichen, daß jeder Mensch unabhängig von seinem Bewußtsein und seinen Fähigkeiten zu achten ist und konkret in das gesellschaftliche Leben einbezogen sein soll. Die Kirchen wollen sich für mehr Räume für Menschen mit Behinderungen/ Beeinträchtigungen engagieren. Sie formulieren eine eindeutige Absage an eugenische Tendenzen.
Die Woche für das Leben sollte dazu beitragen, deutlich zu machen, daß vorgeburtliche Untersuchungen des Ungeborenen als selektive Diagnostik immer selbstverständlicher an jede schwangere Frau herangetragen und immer häufiger angewendet wird. Ebenso sollte sie deutlich machen, daß es für die meisten sogenannten "Risiken" überhaupt keine "medizinische" Lösung gibt, es sein denn den Abbruch der Schwangerschaft. Eine begleitende und stützende Schwangerenvorsorge muß auch die Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten schwangerer Frauen und ihrer PartnerInnen zum Ziel haben. In der Gestaltung von Lebensprozessen brauchen Menschen Unterstützung gerade bei Verunsicherungen und Begrenzungen.
In der Auseinandersetzung um Pränataldiagnostik ist die Frau als Subjekt ihrer Schwangerschaft in den Mittelpunkt zu stellen. Pränataldiagnostik verändert durch den eindringenden und beurteilenden Blick von außen mit all seinen Konsequenzen das Schwangerschaftserleben von Frauen erheblich. Sie kann Frauen abhängig machen von Expertenwissen. Frauen sind, wenn sie sich auf pränatale Diagnostik einlassen, gezwungen, Verantwortung an "Fachleute" abzugeben, ohne daß diese die Verantwortung im Konfliktfall tatsächlich übernehmen können. Diesen Aspekten sollte viel Aufmerksamkeit und kreative Energie geschenkt werden.
Auch in kirchlichen Verlautbarungen wird "Behinderung" fast immer für alle Beteiligten mit "Leid" gleichgesetzt. Pränatale Diagnostik wird als ethisch neutrale Technik bewertet. Erst deren mögliche Folgen werden als ethisch bedenkenswert angesehen. Pränatale Diagnostik ist keine ethisch neutrale Technik. Sie enthält in ihren Begriffen von "gesund", "krank" und "behindert"
Bewertungen von Menschenleben. Medizin ist in diesem Sinn Instanz sozialer Normierungen. Die alltägliche Anwendung der Fruchtwasseruntersuchung basiert auf dem Hintergrund der Zuschreibung von "Altersrisiko" an alle schwangeren Frauen über 34 und ist durch die häufige Anwendung ein gesellschaftliches Phänomen und nicht in erster Linie individuelle Entscheidung. Dies gilt ebenso für den routinemäßigen Fehlbildungsultraschall und den Tripletest. Die Widersprüche und Entscheidungskonflikte, die in Pränataldiagnostik angelegt sind, sollen auf Kosten von Frauen gelöst werden.
Die Kirchen sollen eine kritische Auseinandersetzung mit dem selektiven Blick und den eugenischen Tendenzen von Pränataldiagnostik in alle sich in die Politik einbringenden Gruppen und in alle Berufsgruppen, die Pränataldiagnostik anwenden, hineintragen und dort vorantreiben. Dazu gehört auch die Kritik an wirtschaftlichem Nutzen und Forschungsinteressen. Die Kirchen sollen sich dafür einsetzen, daß Frauen die Möglichkeit haben, sich selektiver Diagnostik zu entziehen und eine alternative Schwangerenvorsorge in Anspruch zu nehmen, ohne daß sie diskriminiert werden. Die Kirchen sollen den gesellschaftlich solidarischen Rahmen für ein Leben mit beeinträchtigten/behinderten Kindern sichern helfen. Die Kirchen sollen sich für das Angebot pychosozialer Beratung vor Inanspruchnahme pränataler Diagnostik einsetzen. Die Kirchen sollen in den konfessionellen Kliniken ihre Praxis im Zusammenhang mit Pränataldiagnostik überprüfen.
Wir fordern vor allem Frauen auf, sich ermutigen zu lassen, sich ihre Schwangerschaft wieder anzueignen und sich dafür Unterstützungssysteme und Netze zu suchen, zu nutzen und auszubauen.